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Entwicklung der Motorisierung

Seit dem späten Mittelalter beruhte wirtschaft­liche Produkti­vität in Eng­land und im deut­schen Raum vor allem auf natürlichen An­trieben wie Wasser- und Wind­kraft. Mühlen, Hammer­werke und frühe Manu­faktu­ren wandel­ten Strömungs- oder Wind­energie über Wellen, Zahn­räder und Kurbel­mechanismen in mecha­nische Arbeit um. Diese Techni­ken präg­ten über Jahr­hun­derte das Ver­ständ­nis von „Antrieb“: Energie wurde ge­nutzt, wo sie ört­lich ver­fügbar war - an Flüssen oder in wind­reichen Regio­nen.

Mit dem Übergang zur Neuzeit entstand jedoch der Wunsch nach orts­unabhän­giger, leistungs­fähige­rer Kraft. Die Dampf­maschine des 18. Jahr­hunderts - insbeson­dere die Ver­besserun­gen von James Watt - leitete in Eng­land die indus­trielle Revolu­tion ein. Dampf­kraft machte Fabri­ken weniger ab­hängig von natür­lichen Ge­geben­heiten und er­möglich­te erst­mals groß­flächige Mechani­sie­rung. Von dort aus ver­brei­tete sich die Tech­nik rasch nach Konti­nental­europa, wo sie im 19. Jahr­hundert auch in den deut­schen Staaten zum Motor von Berg­bau, Eisen­bahn­wesen und Schwer­indus­trie wurde.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschob sich der Schwer­punkt von der externen Ver­brennung (Dampf) zur inneren Ver­brennung. Der von Nikolaus Otto ent­wickelte Viertakt­motor und die Weiter­entwick­lungen durch Gottlieb Daimler und Carl Benz schufen kompakte, leichte An­triebe, die sich für Fahr­zeuge eig­neten. Damit be­gann eine neue Phase der Motori­sie­rung: Der Antrieb ver­ließ Fabrik­hallen und Gleise und wurde mobil. Parallel dazu ent­wickel­te Rudolf Diesel einen Motor mit höhe­rem Wirkungs­grad, der be­sonders für Nutz­fahr­zeuge und indus­trielle An­wendun­gen be­deut­sam wurde.

England spielte dabei eine doppelte Rolle: als Ursprungs­land der industriel­len Dampf­kraft und als früher Markt für Auto­mobile, der durch gesetz­liche Reformen Ende des 19. Jahr­hunderts den Straßen­verkehr für Motor­fahr­zeuge öff­nete. Deutsch­land hingegen ent­wickelte sich zum Zentrum der tech­nischen Inno­vation im Bereich der Ver­brennungs­moto­ren und des Auto­mobil­baus.

Die folgende Zeitleiste zeichnet diese Entwicklung von den spät­mittel­alter­lichen Kraft­quellen über Dampf- und Ver­brennungs­motoren bis hin zur Etablie­rung des Auto­mobils nach - mit besonde­rem Blick auf die tech­nischen, wirt­schaft­lichen und ge­sell­schaft­lichen Ver­änderun­gen in Eng­land und Deutsch­land.


Zeittafel der Fortschritte bei Antrieb und Motor


Jahr Ereignis
Im Spätmittelalter werden Wassermühlen und (zunehmend) Windmühlen die dominierenden Antriebe für Gewerbe: Mahlen, Sägen, Walken/Vollieren, Hämmerwerke - Energie aus Wasser/Wind wird über Wellen, Zahnräder und Kurbeln in Arbeitsbewegung umgesetzt.
1698Thomas Savery patentiert in England eine frühe dampfbetriebene Wasserhebemaschine („fire engine“) - vor allem zum Abpumpen von Grubenwasser gedacht (noch ohne Kolbenmechanik wie später).
1712Newcomen-Atmosphärenmaschine als erste praktisch breit eingesetzte Dampfmaschine: Hauptzweck ist das Pumpen in Bergwerken (Hubbewegung über Balancier).
1769James Watt patentiert die Verbesserung mit separatem Kondensator - deutlich effizienter, beschleunigt die Ausbreitung von Dampfkraft in Bergbau und Industrie.
1781Watt (bzw. sein Umfeld) nutzt „Sun-and-planet gear“, um aus der Kolben-/Balancierbewegung eine kontinuierliche Drehbewegung zu erzeugen - damit werden Fabrikmaschinen direkt rotierend antreibbar (Wellen, Schwungrad).
1801-1804Richard Trevithick treibt Hochdruckdampf voran; frühe Straßenfahrzeuge (1801/1803) und 1804 die erste lokomotivgezogene Fahrt auf Schienen/Tramway (Penydarren). Anwendungszweck: Transport (Eisenwerk/Industrie).
1825Stockton and Darlington Railway eröffnet als erste öffentliche Bahn, die Dampf-Lokomotiven nutzt (zunächst stark für Kohle/Industriegüter, später Personen).
1829Rainhill Trials - Stephensons „Rocket“ gewinnt; Lokomotiven setzen sich als Standardantrieb für Eisenbahnen durch (praktische, leistungsfähige Dampftechnik für Regelbetrieb).
1860Lenoir-Gasmotor aus Belgien als früher kommerziell nutzbarer Verbrennungsmotor (Zündmotor) - zeigt, dass „Motoren“ ohne Dampf möglich sind (stationäre Anwendungen, Experimente für Fahrzeuge).
1876-1877Nikolaus Otto (Köln-Deutz) gelingt der durchbruchfähige Viertaktmotor (Ottomotor); Patentierung/Verbreitung schafft die Grundlage für kompakte, leistungsfähige Antriebe (stationär, später mobil).
1879Carl Benz betreibt erfolgreich einen frühen stationären Benzinmotor (Vorstufe zur Fahrzeuganwendung).
1885Daimler/Maybach: hochdrehender Benzinmotor („Standuhr“/„Grandfather Clock“) und Reitwagen - ein Schritt zu leichten, schnellen Verbrennungsmotoren für mobile Anwendungen.
1886Benz Patent-Motorwagen (Patent 29.01.1886) - früher Meilenstein des Automobils mit Verbrennungsmotor; parallel Daimlers vierrädrige Motorkutsche/„Motor Carriage“ als weiterer Fahrzeugpfad. Verwendungszweck: Individualmobilität/Experiment, Beginn der Kommerzialisierung.
1888Benz beginnt den Verkauf (Kommerzialisierung); Bertha-Benz-Fahrt erhöht die Alltagstauglichkeit/Öffentlichkeit (u. a. Hinweise auf Übersetzung/„Getriebe“-Verbesserungen).
1894Benz Velo als frühes, in Serie gefertigtes Automobil - Verbrennungsmotor wird vom Prototyp zum Produkt (Nutzung: private und gewerbliche Mobilität).
1895Benz & Cie liefert einen frühen Omnibus mit Verbrennungsmotor; Einsatz im Linienverkehr (Siegen-Netphen-Deuz) zeigt den Übergang zu Nutzfahrzeug-Anwendungen.
1896In England werden „Red Flag“-Pflichten beendet (Locomotives on Highways Act 1896) - erleichtert den Betrieb von Motorfahrzeugen im Straßenverkehr, hebt Regeln an neue Antriebe an.
1896Gründung der britischen Daimler Motor Company (Lizenz-/Technologietransfer aus Deutschland; Fertigungsbasis Coventry) - frühe Motorisierung in UK mit starkem deutschem Technologieeinfluss.
1896Lanchester baut einen frühen britischen Benzinwagen (Entwurf 1895, Test 1896) - frühe, noch experimentelle Phase des Automobils in UK.
1896Erste motorisierte Lastwagen (Daimler) - ein Exemplar wird nach London geliefert; Nutzfahrzeug-Antrieb als eigener Wachstumspfad neben Pkw.
1897Der Dieselmotor wird als funktionsfähiger Motor demonstriert (Selbstzündung, hoher Wirkungsgrad) - zunächst wichtig für stationäre Anwendungen und später schwere Fahrzeuge/Schiffe.
1901Stuttgart Mercedes 35 hp gilt als „erstes modernes Automobil“ (niedriger Schwerpunkt, eigenständiges Chassis, leistungsfähiger Benzinmotor) - markiert den Übergang vom „motorisierten Kutschenprinzip“ zum Auto-Design, das sich durchsetzt.
1903England führt den Motor Car Act 1903 ein mit u.a. Fahrerlaubnis/Registrierung, und erhöht den allgemeinen Speed-Limit-Rahmen - staatliche Regulierung folgt der schnellen Verbreitung von Verbrennungsmotor-Fahrzeugen.